"Ist das noch mein Land?"

Rainer Jogschies sah in den SPIEGEL - und erkannte sich nicht wieder


Der SPIEGEL hat mal eine Titel-Geschichte, der mich halbwegs interessiert: "Ist das noch mein Land?" (Heft 16 vom 14. April 2018).

Genau so hieß vor 24 Jahren mein ausführliches "deutsches Tagebuch" mit Medienprotokollen über die schleichende Änderung der Demokratie in der Bundesrepublik: Ist das noch mein Land?.

Ist das noch komisch?

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SPIEGEL-Titel, April 2018
Und das war auch schon nicht sonderlich originell. Mein Buch-Titel bei "Rasch & Röhring" ging zurück auf Dies ist nicht mein Land, das Protokoll einer Abreise der Journalistin Lea Fleischmann, die als Jüdin schon 1980 (Hoffmann & Campe) Deutschland nicht mehr ertrug.

Nun also - 38 Jahre später - im SPIEGEL von Seite 10 bis 17 ein wirres Geheuchel um die angeblichen Ängste "der" Deutschen wegen der "Umvolkung" (die der SPIEGEL übrigens nicht in Anführungsstriche setzte)?

"Berechtigte Sorge, übertriebene Angst", heißt die Unterzeile der Redaktion zur Story. Ausgerechnet mit einem Gartenzwerg-Cover? Wie witzig und niedlich. So harmlos kann Fremden- und Nachbarn-Hass sein.

Und so dumm ist "aktueller" Journalismus, der den NS-Propaganda-Begriff "Umvolkung" fraglos aufgreift und verharmlost. Ab 1936 bereitete ein großes Ministerium am Kurfürstendamm in Berlin die Ermordung und Umsiedlung von Juden und "Untermenschen" in Polen bis ins Kleinste vor, um eine Umvolkung mit dem armen "Volk ohne Raum" vorzunehmen.

Es ist wohl eher eine Gartenzwerg-Redaktion, die da mit acht ausgewachsenen Redakteurinnnen und Redakeuren ein Sammelsurium aus hinreichend bekannten Vorurteilen zusammengekloppt hat, das angeblich "die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat" widerspiegelt.

"Heimat" - haben wir nach einem "Heimat-Minister" Horst Seehofer (CSU) nun auch endlich ein journalistisch einfühlsames Blatt - das neue "Heimat"-Magazin SPIEGEL?

Aber nichts von alledem. Im Artikel ein bisschen Kreißsaal in Hamburg-Harburg, weil die Afrikanerinnen dort ja so fruchtbar sind. Ein bisschen Fußballvereinsidylle und Ruhrpott-Romantik von Türken, die sich angeblich so prima im Schacht integriert hatten. Dann ein bisschen schwarze Suffköppe und eine Wissenschaftlerin, deren Fachgebiet erst gar nicht genannt wird - und fertig ist die Gartenlaube.

Was waren das für Zeiten, als die Dokumentation des SPIEGEL sorgsam und mit Geduld teils über Jahre Material sammelte und für Redakteure aufbereitete, beispielsweise was über Jahrzehnte "Sorgen" und "Ängste" in Harburg waren.

Es ist unfassbar, auf welchem Niveau der bundesdeutsche Journalismus mittlerweile gelandet ist.

Pörksen-Rezension 1995

Kein Bild, keine Bedeutung

Die Leere vom Journalismus

Das war allerdings auch schon vor 24 Jahren so.

Da rezensierte beispielsweise der eifrige Bernhard Pörksen im "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" mein Buch Ist das noch mein Land?.

Leider konnte er mit dieser Medienkritik, die den vermeintlich informativen Unfug protokollierte und mit Splittern des Alltags in Harburg collagierte überhaupt nichts anfangen.

Pörksen seinerzeit:
"Die Beschreibung vieler Fernsehbilder ergibt noch kein Bild, aus zahlreichen Nachrichten entsteht noch keine Bedeutung. Die usammenschau der Ereignisse und Nichtereignisse zeigt, daß es auf die Nachrichten eigentlich gar nicht ankommt. sondern auf den Menschen, der sie erzählt, der beschließt, sie zu notieren. Von ihm würde man gern Genaueres wissen."
Nein, man muss bitte nichts "Genaueres" von einem bescheidenen Autor wissen, der anmaßende Journalisten kritisiert, die gar nicht wissen, was sie da tun.

Beispielsweise hatte sich Bernhard Pörksen nicht einmal den Buchumschlag angesehen mit einem Foto von mir - wessen Bild er in dem abgebildeten Artikel zu meinem Buch zeigte, weiß ich leider nicht. Es soll Rainer Jogschies sein. Ich höre ja immer wieder, dass ich eigentlich ganz anders aussehe und es sowieso nicht bin.

Gut, dass Bernhard Pörksen inzwischen Medien-Professor und nicht mehr Journalist ist und sich in so wirren Thesen zur "Aufgeregtheit" in den Medien ausbreitet, die seinen obigen Sätzen in nichts nachstehen.

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Jogschies-Foto im "R&R"-Covereinband

Spiegel der Medienunkultur...

"Vergangenes als Rezept für die Gegenwart?"

Vielleicht hätte Bernhard Pörksen vorher einmal hören sollen, was die erfahrene Kollegin Lerke v. Saalfeld zur selben Zeit in dem Buch erkannte:

"Manchmal liest man dieses Tagebuch nur mit Widerwillen, weil es so genau aufzeichnet, was tagtäglich passiert, so als ob wir nur noch in einer Welt des Horrors und Terrors leben. Deshalb ist dieses Tagebuch vielleicht weniger ein Spiegel der Welt, sondern vielmehr ein Spiegel der Medienunkultur, die jede Nachricht ungefiltert oder bewußt gefiltert ausstreut, nur bleibt das Ziel dieser lnformationspolitik unklar. Für den Autor tut sich ein dunkles Loch auf: „Ich habe Angst vor einem Deutschland, das sich nicht mehr schämt, für nichts, für niemand, sondern selbstgerecht durch die Welt poltert wie seine gefräßigen und geschwätzigen Führer, all die selbstgerechten Außersichnichtse. Diese Angst hat nicht viel mit der weitverbreiteten Furcht zu tun, daß morgen wieder die Nationalsozialisten 'die Macht übernehmen' könnten. 'Übernehmen´ – jene unverwüstliche Mär, die die Verantwortung derjenigen leugnet, die Hitler gewählt haben, die jubelnd dabeistanden, die getötet und gequält haben. Allenfalls die Deutschen können sich derzeit übernehmen in ihrem gleichzeitigen Selbstmitleid und der Selbstüberheblichkeit, in ihrem Augenverschließen vor der Wirklichkeit, in der ihnen wieder Vergangenes als Rezept für die Gegenwart angemessen scheint."
Oder hatte sie damals schon die Titelgeschichte des SPIEGEL vor Augen?


Maria Hilf - und Russen-Angst

Wohnen neben dem Kreißsaal für SPIEGEL-Storys

Übrigens wohne ich ja in Hamburg-Harburg, wo die SPIEGEL-Story beim Kreißsaal des ehemals katholischen Krankenhauses "MariaHilf" ihren unschönen Ausgang nimmt.

Nicht nur in Ist das noch mein Land? habe ich ausführlich über die merkwürdigen Änderungen berichtet, die der Alltag durch sozialdemokratisch hausgemachte Arbeitslosigkeit und auch durch etliche verzogene Türken-Boys in ihren rollenden und dröhnenden Festungen mit sich brachte. Von den zahlreichen Deutsch-Russenim Stadtteil gar nicht zu reden, die mit Wodka statt Kalasnikov nun endlich da sind, wo die "Rote Armee" angeblich einst hin wollte.

Auch 2013 wäre in 21 Hamburg 90, der führeren Postleitzahl Harburgs, gründlicher nachzulesen gewesen, was Menschen aller möglichen "Herkünfte" (darunter staatlich spät anerkannte Ostpreußen wie mich) seit anderthalb Jahrzehnten ein gewisses Unbehagen bereitet, aber keineswegs "berechtigte Sorge" und schon gar nicht "übertriebene Angst".

Das sind "journalistische" Erfindungen von Schreibtischtätern, die nicht mehr gründlich recherchieren mögen und Quatsch raushauen, der ihnen in den Kram passt.

Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun. 

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